TQ Therapeutics GmbH

Schnell und billig zur Zelltherapie? TQ therapeutics versucht es

Ein kleines bayerisches Zelltherapie-Unternehmen will allen zeigen, dass diese hochindividuellen Fertigungsschritte auch schneller und günstiger zu haben sind. Noch ist es ein präklinisches Vorhaben, die Zellen während des Blutaustauschs mit Hilfe eines Gerätes direkt am Patienten zu modifizieren. Doch schon ist Fresenius Kabi hellhörig geworden und kooperiert. Ob die Anwendung der Zelltherapie bald schon zu einem viel einfacheren Routineverfahren, ähnlich der Dialyse, werden kann?

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Die Übernahme der Juno Therapeutics GmbH (München) – dem deutschen Ableger des CAR-T-Pioniers Juno Therapeutics Inc., der von Bristol Myers Squibb akquiriert wurde – durch die Martinsrieder TQ Therapeutics GmbH (TQx) Ende Mai des vergangen Jahres blieb weitgehend unbeachtet. Doch angesichts des aktuellen Booms rund um die „In-vivo-CAR“-Technologie, der durch milliardenschwere Firmenübernahmen befeuert wird, rückt nun auch TQ Therapeutics ins Rampenlicht. Der Grund: eine verblüffend einfache und patientennahe Applikationstechnologie, welche nun mit dem Medizintechnikunternehmen Fresenius Kabi zusammen entwickelt wird. Sie hat das Potential, die Zelltherapie grundlegend zu verändern, und zwar mit dem Sicherheitsprofil einer Ex-vivo-Zelltherapie und allen Vorteilen der In-vivo-Gentherapie.

Zelltherapie am Patientenbett – kostengünstig, schnell und für alle verfügbar

Dass TQx mit dem Medizintechnikhersteller Fresenius Kabi kooperiert, um den Zugang und die Herstellung von Zell- und Gentherapien für Patienten zu verbessern, ist aus dem europäischen, geförderten Kooperationsprojekt EASYGEN bereits bekannt. Für die Optimierung der Produktionsverfahren fließen 8 Mio. Euro. Doch nun gehen beide Unternehmen eine direktere Partnerschaft ein.

Im Mittelpunkt der Transaktion der Juno Therapeutics GmbH stand damals der Zugang zu geistigem Eigentum und bestehenden Lizenzvereinbarungen, welche der TQ Therapeutics jetzt zur Verfügung stehen. Dies schaffte TQx einen breiten Entwicklungsspielraum für den firmeneigenen Ansatz einer dezentralen, skalierbaren und hochautomatisierten Plattform zur Generierung von therapeutischen Zellen, um diese direkt am Ort der Behandlung verfügbar zu machen – eine der aktuell größten Herausforderungen in der personalisierten Medizin. Auch Bristol Myers Squibb profitiert über Vereinbarungen an der Weiterentwicklung

Die Zellselektionstechnologie von TQx beruht auf dem reversiblen Streptavidin-Biotin-Verfahren und ermöglicht die hochselektive und zugleich schonende Isolation von T-Zellen aus Vollblut, ohne strukturelle Veränderungen oder funktionelle Beeinträchtigungen der Zelle zu erzeugen. Diese Technologie bildete die Grundlage für die Entwicklung von CAR-T-Zellen, die gezielt zur Bekämpfung von Krebszellen eingesetzt werden können. Fresenius Kabi übernimmt die Herstellung der Zellselektionstechnologie und implementiert sie in ihr bestehendes Cue-Gerät. Damit wird die Basis für ein Point-of-Care-Gerät geschaffen, welches potentiell eine CAR-T-Zelltherapie nah am Patienten schaffen kann.

Behandlungserfolge demokratisieren

Seit die CAR-T-Zelltherapie erstmals für Aufsehen sorgte, sind mehrere Jahre vergangen. Besonders bei nicht-soliden Tumorerkrankungen konnten teils beeindruckende Behandlungserfolge erzielt werden, in einzelnen Fällen sogar mit Aussicht auf Heilung. Aktuell erweitert sich das Einsatzspektrum von CAR-T über die Onkologie hinaus, etwa in Richtung Autoimmunerkrankungen. Gleichzeitig sorgen die nach wie vor hohen Kosten für die individuelle Anpassung und Herstellung der Therapie für kontroverse Diskussionen. Auch die anfängliche Euphorie über eine vermeintlich bahnbrechende Innovation hat einen Dämpfer erhalten, da CAR-T die Erwartungen bei soliden Tumoren bislang nicht erfüllen konnte.

Für Dr. Christian Eckert, CEO von TQx, war die vollständige Übernahme der Verwertungsrechte von Juno Therapeutics der strategisch sinnvolle Schritt in die Zukunft. Bei einem Besuch der |transkript-Redaktion vor Ort sagte er: „Diese Akquisition eröffnete uns die Möglichkeit, unsere neuartige, extrem verkürzte extrakorporale Zell- und Gentherapie weiterzuentwickeln und künftig für alle Patienten verfügbar zu machen.“

Das Besondere an der TQ Therapeutics-Plattform ist der integrierte und vollautomatisierte Prozess in einem kleinen Device (siehe Foto): Die Entnahme des Patientenbluts, die Aufreinigung und Anreicherung der gewünschten Zelltypen (etwa T-Zellen), die Kombination mit modifizierenden Genbausteinen – beispielsweise in LNP-Vesikeln – sowie die direkte Reinfusion der Zellen erfolgen in einem geschlossenen Kreislauf. Ein kompaktes Applikationsgerät , das direkt am Patientenbett eingesetzt werden kann und auch wiederholte Anwendungen unkompliziert ermöglicht, wird derzeit mit Fresenius Kabi entwickelt.

Das Ziel von TQ Therapeutics ist es, das Applikationsgerät, in das die Zellselektionstechnologie integriert wird, zu nutzen, um hybride extrakorporale In-vivo Zell- und Gentherapien für klinische Anwendungen zu entwickeln (TQx EXiVO-Ansatz). Für Eckert ist die Geschwindigkeit ein entscheidender Überlebensfaktor für Patienten: „Viele sind dringend auf eine Therapie angewiesen – und erhalten dank der verkürzten Produktionszeiten überhaupt erst eine realistische Chance auf eine Behandlung. Die neue Technologie erlaubt eine Vor-Ort-Behandlung, bei der die individualisierte Immuntherapie in Rekordzeit von unter fünf Stunden direkt im Patienten zur Wirkung kommt“, erklärt er.

Individuelle Modifikationen im engen Zellkontakt der Zellanreicherung

Ob stabile Modifikation, transiente mRNA-Applikation oder die gezielte Abgabe von Aktivatoren und Regulatoren für die angereicherte Zellpopulation – all das ist möglich. TQ Therapeutics versteht sich nicht nur als Entwickler und Hersteller der Zelltherapie-Applikationsplattform, sondern unterstützt auch über Projektpartnerschaften bei der Auswahl und Anpassung geeigneter Vektorsysteme in seine modulare CELLfinity-Plattform.

Zwar befindet sich die Anwendung noch in der präklinischen Testphase, doch gemeinsam mit Fresenius Kabi soll der Schritt in die klinische Erprobung nun schneller erfolgen. Die Sicherheit des Verfahrens, insbesondere durch das durchgehend geschlossene und sterile System, das das Patientenblut vor äußeren Einflüssen schützt, stößt bereits jetzt auf großes Interesse, berichtet Eckert. Auch die kurze Verweildauer der Patienten stellt einen klaren Vorteil dar.

Ein weiterer Pluspunkt: Der Kostenfaktor, bislang ein häufig genanntes Hindernis für die breite Anwendung von Zelltherapien, wird durch den patentierten TQx-Aufreinigungsschritt deutlich reduziert. Die daraus resultierende hochkonzentrierte Zellsuspension macht eine systemische Gabe viraler Genvektoren überflüssig. Das Verfahren ist mit hohen Toxizitätsrisiken verbunden und führt in der klinischen Entwicklung immer wieder zu Rückschlägen.

Für Eckert ist TQ Therapeutics bestens aufgestellt für die nächste Generation von Zelltherapeutika: „Wir bieten nicht nur eine Kassette zur Fusion von Patientenzellen mit modifizierenden Vektorsystemen, sondern optimieren den gesamten Prozess der extrakorporalen Gentherapie. Komplexe Entwicklungen wie die gezielte Anpassung von LNPs sind in diesen Fällen gar nicht mehr erforderlich.“

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